Der Beginn der Sterling-Prägung in Lund und das Ende der Münzstätte Næstved

Zur Geschichte der Münzprägung des frühen 15. Jahrhunderts im regnum Dacie und im östlichen Norddeutschland

Gerald Stefke

Im Rahmen des altdänischen, durch "regionale Pfennige" und jährliche renovatio monetae charakterisierten Münzsystems (l) war die königliche Münzstätte in der schonischen Erzbischofsstadt Lund (2) der Ort, wo mit dem denarius Skaniensis novus die wohl wichtigste regionale Sorte geprägt wurde. Diese Prägung, in den Jahrzehnten um die Mitte des 14. Jh. das letzte noch existierende Element des alten Systems und ständiger Stein des Anstoßes für die hansischen Schonenfahrer, hat das Ende der 1370er Jahre nicht überlebt. Bis zum Aufbau eines moderneren dänischen Münzsystems in den ersten Jahren des 15. Jh., unter der großen Königin Margarethe, König Waldemars Tochter (3), hat es in Dänemark - in seinen damaligen weiteren, auch die schonischen Landschaften jenseits des Öresunds umfassenden Grenzen - keine für den Bargeldumlauf des Reichs bedeutsam einheimische Münzprägung mehr gegeben (4).

Daß im Lund des frühen 15. Jh. wieder eine Münzstätte eingerichtet worden ist, wird in den schriftlichen Quellen erst Ende 1413 erkennbar (5): In einer am 29. November (oder 1. Dezember?) ausgestellten Urkunde erscheinen meyster Gherit unde Ghossen, muntemeystere to Lunden, als mitsiegelnde Zeugen (6). Bereits Peter Hauberg nahm an, daß ein am 27. Mai 1407 in Lübeck bezeugter mester Gherd, muntmester to Nestwede (7) mit dem ersten der zwei Lunder Münzmeister von 1413 identisch ist (8), und Georg Galster hat dies dann in seinen Untersuchungen über das "Münzmeistergeschlecht Comhaer" aus Deventer sicherstellen können (9).

Sieht man einmal von einem - später kurz zu behandelnden - Münzmeister-Grabstein aus dem Lunder Dom ab, dann sind diese beiden Texte die einzigen schriftlichen Quellen zum Münzbetrieb des 1. und 2. Jahrzehnts des 15. Jh. im Königreich Dänemark. Hauberg wollte ihnen entnehmen, daß Meister Gert dem Münzwesen des Reichs seit dessen Wiederaufnahme in beiden Münzstätten vorgestanden hat; zur Begründung verwies er auf die "große Gleichheit" zwischen den zweiseitig geprägten Münzen aus Næstved und Lund (10). Galster nahm ohne weiteres an, daß Gert Comhaer von Næstved nach Lund versetzt worden ist (11). Wenn nicht neue Quellen hinzukommen, sind beide Positionen noch heute vertretbar: Beide lassen sich weder beweisen noch widerlegen (l2).

Weitere Quellen: Da die einschlägigen schriftlichen Zeugnisse seit Haubergs und Galsters Zeiten offensichtlich nicht zahlreicher geworden sind, kann es sich nur darum handeln, die numismatischen Quellen genauer zu untersuchen, als das bisher geschehen ist. Das betrifft vor allem die Schatzfunde. Galster hat sich zwar 1943 eingehend und erfolgreich mit den (dänischen) Funden befaßt, die (noch) keine dänischen Münzen des frühen 15. Jh. enthalten (l3). Für die Funde mit solchen Münzen steht eine entsprechende Untersuchung aber noch aus (l4).

Unter den vor den 1420er Jahren entstandenen dänischen Münzen des frühen 15. Jh. gibt es nur ein Gepräge, das ohne Umstände als Erzeugnis der Münzstätte Lund identifizierbar ist: Die silbernen "Sterlinge" oder "Engelske" zu 3 Pfennig "lübisch" mit der Rückseiten-Uinschrift moneta Lundensis (l5). Nur mit ihnen kann also die Diskussion der Frage bestritten werden, ab wann in Lund wieder Münzen geprägt worden sind, und wie man sich das Verhältnis zwischen den Münzstätten Nzestved und Lund vorzustellen hat. Da fügt es sich günstig, daß die in beiden Münzstätten massenhaft hergestellten Sterlinge das zentrale Nominal in der dänischen Münzproduktion der ersten beiden Jahrzehnte des 15. Jh. waren, für die Zeitgenossen geradezu der Inbegriff des neuen dänischen Geldes (l6). Neben den Sterlingen kommen als in Prägung und Umlauf wichtige Sorte nur noch die Hohlpfennige mit dem Bild der Krone in Betracht. Sie sind allerdings völlig schrift- und beizeichenlos (l7) und daher für Untersuchungen der hier gemeinten Art ganz ungeeignet. Ihr Ausfallen ist aber weniger problematisch, als es auf den ersten Blick scheinen könnte. Denn in dem hier zunächst interessierenden Zeitraum waren sie sehr wahrscheinlich nicht als Währungsmünzen gedacht, sondern nur als Kleingeld, und es gibt also keinerlei Veranlassung, mit der Möglichkeit zu rechnen, eine dänische Münzstätte könnte zu Beginn des 15. Jh. allein zu dem Zweck der Herstellung von Hohlpfennigen eingerichtet oder in Betrieb gehalten worden sein.

Bis in die 1960er Jahre hat man allgemein angenommen, daß die Sterlingprägung in Næstved und Lund von Anfang an völlig parallel verlaufen ist (l8). Dann hat Georg Galster entdeckt, daß der große schonische Schatzfund von Bösarp unter mehr als 500 dänischen Sterlingen keinen einzigen Lunder gebracht hat, und daraus in der münzgeschichtlichen Einleitung seines 1972 erschienenen Buchs über die Münzprägung der Unionszeit (l9) die Folgerung abgeleitet, daß die Münzstätte in Næstved vor der in Lund tätig gewesen zu sein scheine. Das hätte allerdings eigentlich für einen Autor keine Überraschung sein dürfen, der immer an der traditionellen Ansicht festgehalten hat, daß die nur für Næstved belegte Wittenprägung der Sterlingproduktion um einige Jahre vorausgegangen ist (20). Auch findet man im Katalogteil von Galsters Buch, dem Standard-Zitierwerk für die dänischen Münzen des späten 14. bis frühen 16. Jh., die Sterlinge beider Münzstätten weiterhin übereinstimmend auf "ca. 1405-20" datiert (21). Erst ein Jahr später hat Jørgen Steen Jensen die zu Galsters Entdeckung passende Formulierung gefunden: Die Sterlinge „began to be coined in Næstved, and soon in Lund as well“ (22). Damit hat es dann allerdings für fast zwei Jahrzehnte sein Bewenden gehabt. Erst 1992 ist ein weiterer Schatzfund, der Fund von Melløse auf Seeland aus dem Jahre 1866, in die öffentliche Diskussion der Frage einbezogen worden (23).

An diese Ansätze will ich im folgenden mit einer systematischen Untersuchung anknüpfen. Für alle bisher bekannten Schatzfunde des frühen 15. Jh., in denen dänische Silbersterlinge auf den Namen des Unionskönigs Erich von Pommern vorkommen, soll so genau wie möglich der Zeitpunkt des Fundabschlusses ermittelt werden (24). Diese Funde unterscheiden sich nun allerdings in sehr unerfreulicher Weise von den Schatzfund-Gruppen des späten 14. Jh., die 1943 von Georg Galster (25) und 1989 von mir (26) mit dem Ziel untersucht worden sind, einem größeren Kreis von bisher fehldatierten oder sehr ungenau datierten norddeutschen Münztypen zu einer verläßlichen, möglichst genauen Datierung zu verhelfen. Hier hatten wir es überwiegend mit Funden zu tun, deren "Gerippe" aus zweifelsfrei und relativ präzis datierbaren Münzen besteht, seien es nun Gepräge von Mitglieds-Städten des "wendischen Münzvereins", deren Münzbilder sich an die bekannten Vorschriften der Verträge halten, seien es Sorten wie die Lübecker Dreilinge und Sechslinge des Zeitraums 1381/82-1392, die sich mit einer doch ziemlich dichten Folge von schriftlichen Quellen anderen Charakters in Verbindung bringen und damit recht genau datieren ließen (27).

Jetzt (28) muß mit Funden gearbeitet werden, in denen das so gut wie völlig fehlt, was man für die Ermittlung von verläßlichen Fundabschluß-Daten und die darauf beruhende absolutchronologische Einordnung von auf andere Weise nicht genauer datierbaren Münztypen vor allem braucht: Einen Grundbestand an jüngeren und jüngsten Typen, für die der Zeitpunkt des Prägebeginns zuverlässig bekannt ist. Für das 1. und frühe 2. Jahrzehnt des 15. Jh. - darum geht es hier zunächst - haben wir es bei dem Münzmaterial, das uns zu einer Datierung der dänischen Sterlinge aus der Münzstätte Lund verhelfen soll, mit norddeutschen Geprägen zu tun, die selbst innerhalb des genannten, 1403 beginnenden und etwa ein Jahrzehnt umfassenden Zeitraums nur durch ihr Vorkommen in den Funden, also relativchronologisch, eingeordnet werden können. Es handelt sich im wesentlichen um die derzeit neuen "östlichen" Wittentypen aus dem sundischen Währungsgebiet, aus Rostock und den Städten Vorpommerns. Den dänischen Sterlingen haben viele davon immerhin eines voraus: Sie wechseln einander in ziemlich schneller Folge ab, sind also jeweils höchstens ein paar Jahre lang produziert worden. Ihre relative Chronologie läßt sich daher ohne die extrem arbeitsaufwendigen Techniken des Punzen- und Stempel-Vergleichs klären. Die Umsetzung der relativchronologischen Daten in solche der absoluten Chronologie, konkret gesprochen, die Zuordnung von - beispielsweise - drei verschiedenen aufeinanderfolgenden Typen zu den einzelnen Jahren dieses Jahrzehnts, kann sich nur am relativen Produktionsvolumen der verschiedenen Typen orientieren, wie es aus den Münzmengen grob zu erschließen ist, die in den Schatzfunden begegnen. Das Verfahren läßt sich gewiß noch verfeinern, wenn man etwa durch stempelvergleichende Untersuchungen (29) "uneingemischte" Populationen (30) aufdeckt. Aber ich weiß von keiner Methode, mit der sich zuverlässig feststellen ließe, ob eine bestimmte Menge Münzen eines gewissen Typs die einjährige Arbeit von sechs Prägern oder die dreijährige Tätigkeit von nur zweien repräsentiert. Auch muß man immer mit der Möglichkeit von Präge-Pausen rechnen; vor allem ist es keineswegs gewiß und wohl nicht einmal wahrscheinlich, daß mit der Prägung eines neuen Typs immer gleich begonnen wurde, sobald die Herstellung des vorigen beendet war. Hier bleibt also ein nicht ausräumbares Moment erheblicher Unsicherheit im chronologischen Detail. Selbst für die neue Münzsorte, die, als eine Art chronologischer "Grenzpfahl", das Ende des hier zu behandelnden Zeitraums in den ersten Jahren des 2. Jahrzehnts markiert, kennen wir nicht das Jahr, in dem ihre Prägung begonnen hat: Von den ältesten sundischen Schillingen (31) , wissen wir nur, daß sie schon vor Mitte 1416 in einer Münzstätte (Stralsund) produziert worden sind, die diese Sorte sehr wahrscheinlich nicht "erfunden" hat.

Ein derartiges Maß an absolutchronologischer Ungewißheit macht auch die Unterscheidung (32) zwischen dem frühestmöglicht Abschlußzeitpunkt eines Fundes, das unter günstigeren Bedingungen präzis ermittelt werden kann, und dem - immer nur behutsam zu schätzenden - Zeitpunkt des tatsächlichen Fundabschlusses zu einer praktisch schwer handhabbaren Angelegenheit. Die Unterscheidung bleibt dennoch zu berücksichtigen, nicht zuletzt deshalb, weil die Beachtung des tatsächlichen Abschlußdatums dazu beiträgt, zu frühe und zu knappe Datierungen neuer Münztypen zu vermeiden. Im folgenden werde ich nach Möglichkeit beide Daten nennen.

Als die wahrscheinlich ältesten Schatzfunde mit dänischen Sterlingen sind die bereits von Hauberg berücksichtigten, sehr kleinen dänischen Funde von Mårum 1813 (2 Sterlinge) (33) und Aakjær/Åkær 1847 (15 Sterlinge) (34) anzusprechen. Hier erscheinen die Sterlinge selbst als die Schlußmünzen (35) , und es genügt daher die Feststellung, daß sie alle aus der Münzstätte Næstved kamen.

Auf diese beiden Funde, von denen heute in Kopenhagen kein einziges Stück mehr nachweisbar ist, folgt gleich der große, in Stockholm noch vollständig erhaltene schonische Fund von Bösarp 1896, mit dem Galster 1972 die Diskussion über unser Thema eröffnet hat (36) . Dieser Fund stellt sich dar als in jeder Hinsicht hervorragendsten Vertreter der einleitend angesprochenen Gruppe von - insgesamt fünf - Schatzfunden ohne älteste sundische Schillinge, die, wie zu zeigen sein wird, um 1410 abgeschlossen sein müssen (37) . Sie stammen alle aus dem ostelbischen Norddeutschland und aus dem ehemals dänischen Südschweden; aus dem heutigen Dänemark ist bisher kein derartiger Fund bekanntgeworden. Zwar haben von den vier - mehrheitlich kleinen - Parallelfunden zum Bösarp-Fund zwei keinen einzigen dänischen Sterling enthalten, und die beiden anderen nur je einen Næstveder; im Hinblick auf das eigentliche Ziel dieser Untersuchung rnüßte also keiner von ihnen besonders erörtert werden. Für die Diskussion über den Abschluß-Zeitpunkt des Fundes von Bösarp sind sie aber alle zu berücksichtigen, wenn man zu einem gesicherten Ergebnis kommen will. Es handelt sich um die folgenden Funde:

Die Besprechung von Münztypen im Bösarp-Fund, die für dessen Datierung besonders bedeutsam sind, wird im folgenden durch Hinweise auf das Vorkommen bzw. Fehlen dieser Typen in den vier Parallelfunden ergänzt. Diese Diskussion ist als vergleichende Vorlage ausgewählten, jüngsten Materials aus den Fundlängsschnitten zu verstehen (49). Der Fund von Bösarp enthält (50) 1273 Silbermünzen (51). Seine Hauptbestandteile sind 563 dänische Münzen des frühen 15. Jh., davon an Sterlingen 538 Næstveder (52), und 638 deutsche Witten (50,1% der Gesamtzahl), die fast ausschließlich aus den östlichen Münzstätten stammen; der jüngste Witten des "wendischen Münzvereins" im Fund ist ein Hamburger Stück nach den Vorschriften der Rezesse von 1387 und 1389 (53). Es ist kein Wunder, daß Jensen zu Beginn der 1970er Jahre aus diesem Fund nicht schließen mochte, daß die Lunder Sterlingprägung erst längere Zeit nach der Næstveder begonnen hat (54). Denn eine Durchsicht der Fundpublikation (55), die vom damaligen Stand der Erforschung der norddeutschen Witten der Zeit um 1400 ausging und also auch Galsters 1943 publizierte Korrekturen an den traditionellen Datierungen in der deutschen Literatur dadurch Rechnung trug, daß sie nicht jeden Typ mit langem Kreuz auf der Rückseite mechanisch zu "1410/11" stellte (56), konnte nach der "traditionellen" Datierung aller dänischen Sterlinge des frühen 15. Jh. auf "1405" durchaus zu dem Ergebnis kommen, daß die Sterlinge die Schlußmünzen des Fundes sind. Für dessen Datierung mochten die norddeutschen Witten dann als belanglos erscheinen.

Das ist aber tatsächlich nicht der Fall. Auszugehen ist von dem einzigen Münztyp im Fund, der als ein im Gefolge des "Münzvereins"-Rezesses von 1403 entstandenes, allerdings nicht vertragsgemäßes Gepräge anzusprechen ist, dem mit 16 Exemplaren vertretenen Stralsunder Witten mit frei im Feld stehendem 'Strahl" auf beiden Seiten, Jesse 442; er ist auch in allen vier Vergleichsfunden belegt (57). Für die Produktion des nicht seltenen Typs wird man ein paar Jahre - etwa 1403-1405 - veranschlagen dürfen. Auf diesen Typ folgt in der Stralsunder Wittenreihe der Typ Dannenberg 271 (Jesse 497 (58)) mit großem "S" als Münzbild beider Seiten. Mit der Bildwahl ist also der Anschluß an den aktuellen Wittentyp des "wendischen Münzvereins" aufrechterhalten worden. Dem Publikum sollte wohl suggeriert werden: Dies einzelstädtische Gepräge ist nicht schlechter als die "Vereins"-Witten. Der Typ ist vermutlich erst nach dem Abschluß des "Münzvereins"-Rezesses vom 31. März 1406 entstanden, als auch formal nicht mehr zweifelhaft sein konnte, daß Stralsund nicht Mitglied des "wendischen Münzvereins" war. Im Bösarp-Fund ist dieser Witten mit 50 Exemplaren vertreten. Auch in zwei Parallelfunden kommt er vor; er fehlt aber in den Funden von Remplin und Skogaby (59). Der letzte höchstwahrscheinlich noch im 1. Jahrzehnt entstandene Stralsunder Wittentyp, mit "Strahl" im Schild auf beiden Seiten, Jesse 443, der in den Funden des 2. und frühen 3. Jahrzehnts massenhaft vorkommt, erscheint im Bösarp-Fund nur in 6 Exemplaren. In drei der vier Vergleichsfunde fehlt er ganz, taucht dafür aber im vierten (Remplin), der den Vorgänger-Typ völlig vermissen ließ, mit gleich 45 Exemplaren auf (60). Daß sie sich auf mindestens 6 Vs.- und mindestens 2 Rs.-Varianten verteilen, spricht nicht unbedingt gegen die Vermutung, daß es sich um einen "uneingemischten" Bestand handeln könnte, treten doch schon bei den 6 Stücken des Bösarp-Fundes 3 Vs.- und 2 Rs.-Varianten auf.

Diese Diskrepanzen zwischen den Verhältnissen in den fünf Funden auf (geringfügige) Unterschiede zwischen den Fundabschluß-Daten zurückzuführen (61), erscheint kaum möglich. Vermutlich war der Zeitabstand zwischen einer ziemlich kurzfristigen, aber relativ starken Produktion von Jesse 497 und dem Beginn der Prägung von Jesse 443 so klein, daß es reine Zufallssache und sogar von der Fundgröße unabhängig ist, ob in einen Bestand beide Typen (Bösarp), nur der erste (Lübeck, Groß Kordshagen), nur der zweite (Remplin) oder gar keiner (Skogaby) Eingang gefunden haben.

Ähnliche Verhältnisse sind auch an den Rostocker Witten zu beobachten. Hier hat die Teilnahme der Stadt am Rezeß des "wendischen Münzvereins" von 1403 tatsächlich zur Herstellung eines lübischen Wittens geführt (Jesse 439); er kommt nur in Schatzfunden westlichen Charakters vor. Der Umfang der Prägung war unbedeutend, und es erscheint gut möglich, daß sie noch 1403 wieder eingestellt worden ist; ein Nachfolge-Typ könnte an sich schon in diesem Jahr entstanden sein. Der nächste Rostocker Wittentyp (Oertzen 369-372; Jesse - ) gibt sich aber durch sein Münzbild "Greif/Balkenschild" ganz offen als nicht-lübischer (sundischer) Witten zu erkennen. Die Typenwahl dokumentiert also die Entscheidung des Rostocker Rats, künftig nicht nur auf die Prägung von lübischem Silbergeld zu verzichten, sondern auch jeden Versuch eines typologischen Anschlusses an die lübischen Witten zu unterlassen. Diese Entscheidung dürfte kaum von einem Tag auf den anderen getroffen worden sein. Der Typ Oertzen 369-372 ist im Fund von Bösarp mit 28 Exemplaren vertreten und auch in allen vier Parallelfunden angemessen repräsentiert (62). Die nicht geringfügige Produktion dürfte etwa in die Jahre 1404-1407 zu setzen sein. Irgendwann in den letzten Jahren des Jahrzehnts - noch nicht "um 1405", wie ich früher angenommen habe (63) - ist man dann in Rostock dazu übergegangen, nicht mehr neue Wittentypen zu schaffen, sondern mehr oder minder deutlich abgewandelte Repliken eigener, älterer Typen zu produzieren (64), wie man es etwa zwei Jahrzehnte zuvor schon einmal getan hatte (65). Der typologische Anschluß an die lübischen Witten wurde damit in einer Form wiederhergestellt, die wohl schon von den Zeitgenossen als nicht gerade seriös empfunden worden ist und bei informierten Geldbenutzern des lübischen Währungsgebiets zu völliger Diskreditierung der vor 1398 entstandenen Rostocker Witten geführt haben dürfte. Bei den Repliken handelt es sich zum einen (Typ Jesse 308) um die Wiederaufnahme des ältesten, 1371-1381 geprägten Wittentyps (Jesse 307), dem die frühen Vertreter täuschend ähnlich sehen, zum andern (Typ Jesse 369) um die stark abweichende Erneuerung des Vertrags-Typs von 1381 (Jesse 368). Diese beiden Typen haben dann die Rostocker Wittenprägung im 2. Jahrzehnt des 15. Jh. ebenso dorniniert (66), wie es in Stralsund der Typ Jesse 443 tat. Im Fund von Bösarp ist Jesse 308 mit 3 Stück vertreten; von den Parallelfunden enthalten nur zwei den Typ in geringer Anzahl (67). Jesse 369 fehlt im Bösarp-Fund, kommt aber in zwei der vier Vergleichsfunde vor (68).

Als letztes (nicht letztmögliches!) Beispiel für die Verhältnisse bei den jüngsten Witten in der hier diskutierten Fundgruppe will ich nur noch die ältesten (Stierkopf-) Witten aus den beiden Mecklenburg-Stargarder Münzstätten Friedland und Neubrandenburg besprechen. Sie sind in keinem früheren Fund belegt. Den Beginn der Prägung habe ich 1982 mit "wohl schon um 1405" ebenfalls um ein paar Jahre zu früh angesetzt (69). Aus heutiger Sicht kann ich mich mit Kunzels aus der Herrschaftsgeschichte der Stargarder Herzöge des frühen 15. Jh. abgeleiteter Vermutung "nicht vor 1408" ohne weiteres einverstanden erklären (70). Der Bösarp-Fund enthält von diesen Produkten einer recht kurzfristigen, aber ziemlich intensiven Münztätigkeit (71) 64 Stück: 48 aus Friedland (Jesse 372/385: 32; Jesse 320: 16) und 16 aus Neubrandenburg (Jesse 323). Diese Stargarder Witten, die damals konkurrenzlos schlechtesten Vertreter der Münzgattung, sind weder als sundische Witten zu 6 Pfennig sundisch noch gar als lübische zu 4 Pfennig lübisch anzusprechen (72). Sie gehören mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit überhaupt keinem bestimmten Währungssystem an. Es handelt sich schlicht und einfach um minderwertige Nachahmungen (73), die einzig deshalb hergestellt wurden, weil man mit ihnen Geld verdienen wollte, und die nur da angenommen wurden, wo das Publikum unvorsichtig genug war, sie wenigstens als sundische Witten gelten zu lassen (74). Auch die Mecklenburg-Stargarder Witten sind nur in zwei der vier Vergleichsfunde belegt, in einem davon aber relativ noch etwas zahlreicher als im Bösarp-Fund (75).

Soweit es sich um die Datierung des Fundes von Bösarp handelt, ist der Ertrag der Diskussion so zusammenzufassen: Dafür, daß alle hier erörterten jüngsten Typen östlicher Witten im Bösarp-Fund wie in den vier Parallelfunden so ungleichmäßig vertreten sind, kommt nur eine Erklärung in Betracht: Eben, weil diese Typen so jung sind, waren sie noch kein durchgängiger, gut "eingemischter" Bestandteil des norddeutsch-ostelbischen und südskandinavischen Umlaufs von nicht-lübischen Witten, als die fünf Funde abgeschlossen wurden. Diese Funde sind alle als gleichaltrig anzusehen, abgeschlossen im engen Umkreis des Jahres 1410: Als frühestmöglicher Abschlußzeitpunkt sind die allerletzten Jahre des 1. Jahrzehnts zu nennen; wenn es um den tatsächlichen Zeitpunkt geht, ist bereits an die allerersten Jahre des 2. Jahrzehnts zu denken.

Für die Bestimmung des Zeitpunkts, zu dem in Lund die Sterlingprägung begonnen hat, lautet das Ergebnis einfach: Um 1410, also etwa drei Jahre vor der Erwähnung von zwei Münzmeistern der Münzstätte Lund, ist von Lunder Sterlingen noch nichts zu sehen, weder in einem großen schonischen Schatzfund mit sehr starkem Sterlingsanteil noch anderswo.

So erscheint nach wie vor der altbekannte kleine, schlecht datierbare Fund von 1866 aus dem nordseeländischen Melløse (76) mit seinen insgesamt 184 Silbermünzen als der erste Beleg für die Existenz einer Münzstätte im Lund des frühen 15. Jh.: Lunder Sterlinge, die selbst als die Schlußmünzen des Fundes angesprochen werden müssen, stehen in ihm neben 120 Stück aus Næstved. Der Fund enthielt auch 18 norddeutsche Witten östlicher Herkunft, von denen aber nur 11 so überliefert sind, daß sie sich genau bestimmen lassen. Bei der Mehrzahl (8) handelt es sich um den oben besprochenen Stralsunder Typ Jesse 443, und auch von daher läßt sich vermuten, daß der Fund einiges jünger ist als die eben behandelte Fundgruppe. Zwei der drei Anklamer Witten (Jesse 441 und 347) passen in dies Bild, leisten aber keinen eigenen Beitrag zur Datierung des Fundes, kamen diese beiden Typen doch auch schon in der jüngsten Schicht des Bösarp-Fundes vor. Da es bei der Geringfügigkeit des deutschen Anteils auch nichts besagt, daß die für die nächste Fundgruppe charakteristischen neuen Münzen aus dem sundischen Währungsgebiet fehlen, wird man sich mit der Feststellung begnügen, daß der tatsächliche Abschlußzeitpunkt des Fundes von Melløse im - nicht allzu eng zu fassenden - Umkreis des Jahres 1415 gesucht werden muß (77).

Aus dieser nächsten Fundgruppe ist zunächst der 1952 entdeckte, ebenfalls nordseeländische Fund von Helsingør (78) mit seinen vier Gold- und 888 Silbermünzen zu nennen. Als datierungsrelevante norddeutsch-östliche Neuigkeiten in diesem Bestand verdienen vor allem zwei sundische Schillinge (79) Hervorhebung. Sie stammen aus Greifswald, wo diese neue Sorte offenbar entstanden ist, und sind Vertreter des ältesten Subtyps. Für die Datierung des Fundes sind weiter bedeutsam fünf Witten aus der vorpommerschen Stadt Demmin (Dannenberg 192; Jesse - ), der früheste Beleg dafür, daß auch hier mit der Prägung größerer Silbernominale begonnen worden ist (80). Andererseits fehlen noch Witten aus dem mecklenburgischen Städtchen Gnoien. Ich möchte den Fund in die Jahre um 1415 datieren: Der frühestmögliche Abschlußzeitpunkt liegt sicherlich einiges vor diesem Jahr, der tatsächliche ist mit etwa 1415-1417 anzusetzen. Für alles, was mit der Erforschung der dänischen Sterlinge zusammenhängt, ist der Helsingør-Fund aber ganz unergiebig. Davon enthält er nämlich nur 9 Stück, die alle aus Næstved stammen. Der Bestandsbildner ist dieser Sorte offenbar nach Möglichkeit aus dem Weg gegangen. Die 53 lübischen Dreilinge im Fund (einschließlich eines Flensburgers) zeigen die Neigung des Bestandsbildners zu besseren Sorten; die auch enthaltenen 28 Friedländer und Neubrandenburger Witten machen schlaglichtartig deutlich, wie gering seine Chancen waren, ihrer um und bald nach 1410 noch habhaft zu werden.

Um so interessanter im Kontext dieser Studie ist dagegen ein anderer, wohl nur wenig jüngerer, südostschwedischer Schatzfund: Törnebyslätt/Kalmar 1934. Der Fund, in seiner Gesamtheit (81) sicherlich als überzeugendes Beispiel für die Auffindung und Wiederverbergung älterer Münzen im frühen 16. Jh. zu werten, bestand in seiner hier allein interessierenden, bis heute aber nicht eingehend publizierten Masse aus 1844 Silbermünzen der Jahrzehnte um 1400, darunter 252 östlich-norddeutschen Witten (82) und 1454 dänischen Sterlingen. Unter den deutschen Münzen sind die hier erstmals - in nur zwei Exemplaren - vorkommenden Gnoiener Witten (83) hervorzuheben, außerdem, den Verhältnissen im Helsingør-Fund entsprechend, ein - leider nicht genau bestimmter - sundischer Schilling aus Greifswald und 6 Demminer Witten (84) . Die dänischen Sterlinge setzen sich aus 1015 Næstveder, 435 Lunder und 4 für den Bearbeiter nicht näher bestimmbaren Stücken zusammen. Der Fund von Törnebyslätt bezeugt also, am Melløse-Fund gemessen, einen kräftigen Fortschritt der Sterling-Produktion in Lund, ohne daß es bis zum tatsächlichen Abschlußdatum des Fundes schon dahin gekommen wäre, daß die Lunder Sterlinge im Münzumlauf ebenso stark wie die Næstveder vertreten waren.

Dieser Stand erscheint erstmals in dem 1898 entdeckten dänischen Schatzfund von Stege auf Møn (85) erreicht. Seine 693 dänischen Sterlinge bestehen aus 327 Næstveder Stücken und, unerheblich mehr als die Hälfte, 366 Erzeugnissen der Münzstätte Lund (86) . Daß dieser Fund einige Jahre jünger ist als der von Törnebyslätt, ergibt sich ohne weiteres aus der deutlich veränderten Zusammensetzung des großen norddeutschen Anteils von 870 Münzen: Unter den 842 Witten fast ausschließlich östlicher Herkunft jetzt 33 Demminer, 24 Gnoiener;. die 289 Stralsunder jetzt zu fast 90% (252 Stück) aus dem Typ Jesse 443 bestehend (87); die früher kaum hervortretenden Pommern-Herzöge sind jetzt mit 114 Witten repräsentiert. Die ältesten sundischen Schillinge, insgesamt 21 Stück, entstammen jetzt nicht mehr nur der Greifswalder Münzstätte (4), sondern kommen auch aus Anklarn (2), Demmin (2) und Stralsund (13) (88) . Als Zeitpunkt des tatsächlichen Fundabschlusses möchte ich heute, wie schon Hauberg (89) , die Jahre um 1420 nennen.

Hier anzureihen ist der große Fund von Svendborg, an der Südküste von Fünen, aus dem Jahre 1885 (90). Mit seinen 51 Goldmünzen, 3779 Silberrnünzen und 10 Silberbarren (zusammen ca. 3 ¼ Mark Silber) gehört er wohl schon einer besonderen, als kleines Vermögen anzusprechenden Fundkategorie an. Die 3750 dänischen Sterlinge, unter denen die Lunder mit 1971 Stück in derselben Weise die Næstveder geringfügig überwiegen, wie das bereits bei Stege 1898 der Fall ist, lassen alle übrigen Silbermünzen, darunter 10 fast ausschließlich östliche norddeutsche Witten, als bloße Einsprengsel erscheinen, ohne daß man daraus m. E. irgendwelche Folgerungen hinsichtlich der Zeitstellung des Fundes ableiten sollte (91) . Für die Funddatierung kommen nur die Goldmünzen in Betracht. Als Terminus a quo in diesem Bereich ist zuletzt das Jahr 1419 genannt worden (92); danach müßte man wohl an einen tatsächlichen Fundabschlußzeitpunkt denken, der der Mitte des 3. Jahrzehnts sehr nahe liegt. Diese Frage kann hier nicht abschließend geklärt werden (93). Jedenfalls sollte man bei allen weiteren Untersuchungen zur Datierung des Fundes nicht von vornherein die Möglichkeit ausschließen, daß der - gesondert gelagerte - Goldmünzen-Anteil ein paar Jahre jünger ist als der große Sterling-Bestand.

An vorletzter Stelle ist der umfangreiche Fund des Jahres 1897 aus Flensburg zu erwähnen, der mit über 8000 Silbermünzen dennoch nicht vollständig erfaßt werden konnte (94). Er bestand zum allergrößten Teil aus dänischen Sterlingen, von denen Hauberg 7815 Stück verzeichnet hat. Auf die Lunder entfallen fast 63% (95); das ist beinahe das 1,7fache der Zahl der Næstveder Sterlinge. Auch die Datierung des Flensburger Fundes ist nicht unumstritten (96): Hauberg hielt ihn - sicher zu Unrecht - für etwas älter als den Fund von Stege 1898 und suchte mit nicht stichhaltiger Begründung das "Niederlegungsjahr" in der Zeit um 1415 (97). Aber spätere Informationen über Bestandteile des Fundes, die Hauberg nicht vorgelegen haben, sprechen dafür, daß der Fund von Flensburg tatsächlich erst in der 2. Hälfte des 3. Jahrzehnts des 15. Jh. abgeschlossen worden ist; diese Nachrichten gehen auf den durch Kenntnis der lokalen Verhältnisse wie numismatische Fachkompetenz gleichermaßen ausgezeichneten Erwin Nöbbe zurück und verdienen also bis zum Beweis ihrer Unrichtigkeit alles Vertrauen (98).

Das gilt umsomehr, als dasselbe Mengenverhältnis zwischen Næstveder und Lunder Sterlingen auch in einem anderen, südostschwedischen Schatzfund begegnet, der ganz sicher nicht vor dem Ende des 3. Jahrzehnts, höchstwahrscheinlich erst im 4. Jahrzehnt abgeschlossen wurde: Der 1912 entdeckte, etwa 700 Silbermünzen umfassende Fund von Växjö in Småland (99) enthielt als Schlußmünze einen der schlechten 9-Pfennig-"grosser" König Erichs (100); die 566 Sterlinge bestanden zu 60% aus Lundern (340 Stück).

Diese Verhältnisse stellen sich als das Endstadium einer Entwicklung dar: In allen Schatzfunden, die dänische Sterlinge aus beiden Münzstätten enthalten, ist der Anteil der Lunder Gepräge um so größer, je jünger die Funde sind.

Nach dem Zeugnis des Fundes von Bösarp ist die Münzstätte Lund um 1410 noch nicht tätig gewesen. Nicht lange danach muß sie aber den Betrieb aufgenommen haben, denn Ende 1413 sind, wie einleitend bereits gesagt, in einer schriftlichen Quelle Meister Gert und Goswin Comhaer als ihre Leiter bezeugt (101). Ohne erkennbaren Zusammenhang mit irgendeiner Münzstätte, weder der Lunder noch der Næstveder (als deren Münzmeister Gert Comhaer am 27. Mai 1407 in Lübeck zuerst in dänischen Diensten begegnete (102), erscheinen Gert Comhaer, ein niemals als dänischer Münzmeister belegter Rolaf Comhaer und Goswin Comhaer bereits am 31. Januar 1412 in Lund, als Mitbesiegler einer Königin Margarethe verpflichtenden Schuldurkunde für einen Lübecker Bürger (103). Daraus könnte man ableiten, daß die drei sich schon damals im Zusammenhang mit dem Betrieb oder mit der Einrichtung einer Münzstätte in Lund dort aufgehalten haben. Man muß es aber keineswegs: Die Comhaer waren keine biederen Münzhandwerker, die an einem Ort nur dann auftauchten, wenn sie dort mit dem technischen Betrieb der lokalen Münzstätte zu tun hatten. Wenn nicht Meister Gert zweimal und Goswin einmal ausdrücklich als dänische Münzmeister bezeichnet wären, würde man sie nur als Angehörige eines Personenkreises erkennen können, dessen Mitglieder sich ab und zu, in Dänemark wie außerhalb, in wichtigeren Angelegenheiten der königlichen Finanzen gebrauchen ließen, im übrigen aber ihren eigenen Obliegenheiten nachgingen. Wie soll man es etwa deuten, daß sich Goswin Comhaer bei seinem ersten Auftreten am 15. Mai 1407, also sechs Jahre, bevor er als königlich dänischer Bediensteter erscheint, in Lübeck vor dem Niederstadtbuch gegenüber dem (Ex-)König Albrecht von Schweden als persönlicher Schuldner für den nicht ganz geringen Betrag von 500 Mark lübisch bekannt hat (104)? Galster vermutete, daß dies in Königin Margarethes Auftrag geschehen ist, und das mag richtig sein. Aber verpflichtet waren nun einmal eindeutig Goswin und seine Erben. Daß es sich bei der Comhaer-Sippe eher um weitläufige Geschäftsleute mit Spezialisierung im Bereich der Münzproduktion denn um bloße Münztechniker gehandelt hat, dafür spricht auch, daß Gert und Goswin ausgerechnet im Mai 1407 in Lübeck aufgetaucht sind. Direkt bezeugt sind am 15. und 27. Mai zwar nur Kontakte mit König Albrecht und seinem Kanzler. Aber gleichzeitig fand ja in Lübeck, am 15. Mai beginnend und Anfang Juni noch nicht beendet, ein wichtiger Hansetag statt (105), zu dessen Themen auch - wieder einmal - die dänische Münzprägung gehört hat (106). Es wäre also sehr erstaunlich, wenn Gert und Goswin damals nicht auch mit städtischen Ratssendeboten über diesen Gegenstand verhandelt hätten; sie wären dann dabei allerdings nicht gerade erfolgreich gewesen (107). Nimmt man alles zusammen, was sich über das Tun der Comhaer zwischen 1407 und 1413 doch sagen läßt, dann wird man gern, mit den jetzt gebotenen Modifikationen, Peter Haubergs mehr als ein Jahrhundert alte Vermutung wieder aufgreifen, daß es diese Männer waren, die bereits die Næstveder Anfänge von Königin Margarethes neuer Münzprägung als Münzunternehmer organisiert haben (108).

Was den Beginn der Münzproduktion in Lund angeht, wird man am ehesten daran denken wollen, daß er nicht vor Ende 1412 stattfand und mit dem Anfang der selbständigen Regierung Erichs von Pommern nach dem Tode von Königin Margarethe am 28. Oktober 1412 (109) zusammenhängt. Die Eröffnung der Münzstätte Lund hat vermutlich auch gleich eine inhaltliche Veränderung der dänischen Münzpolitik mit sich gebracht, konkret gesagt, eine deutliche Verringerung des Feingewichts der dänischen Sterlinge, vielleicht die erste wirklich erhebliche in der Geschichte dieser Sorte. Denn daß die Lunder Sterlinge schlechter als die Næstveder sind, daran ist kein Zweifel möglich. Dafür sprechen nicht nur moderne Probierungen, die bereits von Hauberg, später von Nils Ludvig Rasmusson und in den 1950er Jahren erneut von Fritze Lindahl veranlaßt worden sind (110). In informierten Kreisen Dänemarks wurde bereits vor dem Ende des 2. Jahrzehnts des 15. Jh. zwischen den beiden Sterlingarten unterschieden (111), die hier geradezu als verschiedene Sorten gegolten zu haben scheinen. Spätestens in den frühen 1420er Jahren, tatsächlich wohl schon vorher, dürften nur noch die Lunder Sterlinge das normale dänische Silbergeld gewesen sein (112); die Næstveder konnten sicherlich ein Aufgeld beanspruchen (113). Sie haben wohl schon damals die Rolle übernommen, in der sie später, zwischen dem Ende der 1420er Jahre und den 1470er Jahren, wiederholt begegnen: Als das gute alte Silbergeld par excellence, das nur noch in solchen Geschäften verwendet (oder wenigstens als Maßstab herangezogen) wird, bei denen langfristige Stabilität der Zahlungsmittel besonders wichtig ist (114).

Die Münzstätte Lund dürfte bis in die zweite Hälfte der 1420er Jahre kontinuierlich in Betrieb gewesen sein, später wohl nur noch sporadisch, bis sie in den frühen 1440er Jahren durch Malmö ersetzt wurde (115). Malmö war bekanntlich etwa ein halbes Jahrhundert lang die einzige Münzstätte des Königreichs Dänemark, und das dürfte, von der kurzen "Kupfersterling"-Phase (116) abgesehen, auch schon für Lund seit 1412/13 gegolten haben. Galster hat immer wieder die Frage aufgeworfen, wer nach dem Übertritt von Meister Gert Comhaer nach Lund die Münzstätte Næstved geleitet hat, und darauf stets geantwortet: Wir wissen es nicht (117). Ich zögere nicht, am Ende dieser Studie eine andere, sehr einfache Antwort zu geben: Niemand. Es spricht alles dafür, daß 1412/13 mit der Begründung der Münzstätte Lund nicht eine zweite dänische Münzstätte entstanden ist, sondem die bisher einzige, Næstved auf Seeland, durch eine andere, ebenfalls einzige, ersetzt worden ist, Lund in Schonen.

Daher halte ich es für keinen Zufall, daß der Münzmeister aus der Comhaer-Sippe, der im Dom zu Lund bestattet wurde, nach Galsters Untersuchungen Meister Gert, auf seinem Grabstein einfach, ohne jeden einschränkenden Zusatz, als monetarius regni Dacie bezeichnet ist, als Münzmeister des Reiches Dänemark (118). Einen anderen Münzmeister gab es bei seinem Tode (in der 2. Hälfte des 2. Jahrzehnts (119) im Königreich anscheinend nicht, jedenfalls keinen gleichrangigen (120). Aber das ist, für sich allein genommen, natürlich nur ein schwaches Indiz (121). Für entscheidend halte ich es, daß sich im 2. Jahrzehnt des 15. Jh. und in den frühen 1420er Jahren im dänischen Silbergeld-Vorrat das Mengenverhältnis zwischen Nwstveder und Lunder Sterlingen laufend verschoben hat, bis es am Ende des Jahrzehnts - trotz der bis bald nach 1410 offensichtlich sehr umfangreichen Produktion in Næstved - viel mehr Lunder Sterlinge als Næstveder gab. Das läßt sich am einfachsten so deuten, daß seit 1412/13 aus Næstved kein Münz-Nachschub mehr gekommen ist. Es ist nicht ungewöhnlich, daß auch gut begründete Annahmen über münzgeschichtliche Sachverhalte nicht im strengen Sinn bewiesen werden können, wenn es nur numismatische Quellen gibt, keine schriftlichen. Dies gilt auch hier: Man kann nicht mit Sicherheit ausschließen, daß die Münzstätte Næstved noch ein paar Jahre lang kümmerlich fortexistiert hat. Aber irgendwelche Indizien dafür gibt es nicht. Daß während der Episode der "Kupfersterlinge", der stoffwertlosen dänischen Münzen der Jahre 1422/23 (122), auch in Næstved solche Münzen produziert worden sind, wie, außer in Lund, auch noch in Odense und Randers (123), besagt natürlich nichts für "normale" Verhältnisse. Eine Variantengruppe der seit Ende 1424 geprägten "Lebarden"-Hohlpfennige wird traditionell wegen eines Beizeichens „Kleeblatt“ (ohne Stengel), das auch auf einem Teil der Næstveder „Kupfersterlinge“ vorkommt, nach Nestved gelegt (124). Aber dafür ist auch manche andere Erklärung denkbar. Die gleichzeitigen, freilich seltenen Sechslinge sind jedenfalls, wie bereits Hauberg hervorhob (125), ausweislich ihrer Umschrift nur in Lund geprägt worden (126). Und gut 15 Jahre später taucht ein solches "Kleeblatt" nicht nur auf der jüngsten Münze auf, deren Entstehung in Lund durch die Umschrift gesichert ist (127), sondern auch auf dem ältesten Erzeugnis der Münzstätte Malmö (128). Insgesamt halte ich es für höchstwahrscheinlich, daß es im Næstved des 15. Jh. nur zweimal eine Münzstätte gegeben hat: 1403 (129)-1412/13 und 1422/23 (130).

(aus: Studia Numismatica. Festschrift Arkadi Molvogin 65. Compiled and edited by Ivar Leimus, Tallinn 1995 S. 151-171)


 

Anmerkungen


 

Literatur-, Zitiertitel- und Sigel-Verzeichnis


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